Klein, bärtig, leicht beleidigt: Willkommen bei den Zwergen
Ich gebe es zu: Zwerge hatten bei mir schon Hausrecht, lange bevor Tante Ema ihren ersten Punkt auf einen Stoff gesetzt hat.
Ich habe Überraschungsei-Zwerge gesammelt. Ich mag rote Zipfelmützen in einem vermutlich nicht mehr ganz vernünftigen Maß. Und wenn es im Wald unter einem Farn raschelt, denke ich nicht sofort: „Eidechse."
Man muss schließlich offenbleiben.
Deshalb beginnen wir Tante Emas Wesen-Welt nicht mit irgendeinem flatternden Glitzerwesen, das morgens Tau auf Blüten verteilt. Wir fangen ordentlich an. Mit festem Schuhwerk, einem Hammer in der Hand und einer Persönlichkeit, die keine unnötigen Besprechungen braucht.
Wir beginnen mit den Zwergen.
Klein? Ja. Harmlos? Würde ich nicht ausprobieren.
Zwerge gehören zu den ältesten Bewohnern der europäischen Sagenwelt. Vor allem in germanischen und nordischen Geschichten leben sie in Bergen, Felsen oder unter der Erde. Dort graben sie nach Erz, hüten Schätze und betreiben Werkstätten, bei denen vermutlich selbst die Berufsgenossenschaft nur vorsichtig anklopft. Auch bei den Brüdern Grimm arbeiten die sieben Zwerge aus Schneewittchen im Berg und suchen dort nach Erz.
Man darf sich das allerdings nicht wie einen fröhlichen Betriebsausflug mit Liedchen und Spitzhacke vorstellen.
Zwerge sind ernsthafte Handwerker. Sie schmieden, hämmern, bauen und fertigen Dinge, die nicht nach dreimaligem Gebrauch auseinanderfallen. In nordischen Erzählungen stellen sie sogar besondere Waffen und magische Kostbarkeiten für die Götter her – darunter Thors Hammer Mjölnir. Praktisch eine unterirdische Kreativmanufaktur, nur ohne Onlineshop, Newsletter und den freundlichen Hinweis, dass sich die Lieferzeit gerade um drei Wochen verlängert.
Zwerge machen keine halben Sachen
Ein Zwerg würde niemals sagen:
„Das hält erst mal."
Ein Zwerg sagt vermutlich überhaupt nichts. Er schaut kurz, zieht eine Augenbraue hoch und baut es so, dass noch deine Ururenkel darüber stolpern können.
Zwerge gelten als ausdauernd, stark, geschickt und ziemlich stolz auf ihre Arbeit. Und ehrlich gesagt: zu Recht. Wer im Inneren eines Berges einen magischen Ring herstellen kann, darf sich über jemanden wundern, der beim Aufbau eines schwedischen Regals schon an Schraube B verzweifelt.
Ihr Spezialgebiet ist nicht das schnelle Irgendwie.
Ihr Spezialgebiet ist das ordentliche Für-immer.
Das gefällt Tante Ema natürlich. Hier wird schließlich ebenfalls gestaltet, genäht, gebaut, verworfen, noch einmal gemacht und am Ende so lange daran herumgezupft, bis es wirklich stimmt. Nur der Amboss fehlt. Noch.
Woher kommen Bart und Zipfelmütze?
Das Bild, das wir heute von Zwergen haben, ist im Laufe vieler Geschichten gewachsen: klein, kräftig, mit Bart und häufig einer Mütze auf dem Kopf. Märchen, Sagen, Illustrationen und später natürlich Bücher und Filme haben daraus den Zwerg gemacht, den wir sofort erkennen.
Allerdings gilt: Nicht alles, was klein ist, Bart trägt und unter einem Pilz hervorschaut, ist automatisch ein Zwerg.
- Es könnte auch ein Gnom sein.
- Oder ein Wichtel.
- Oder ein Gartenzwerg, der seine Schicht vorzeitig beendet hat.
Die Unterschiede klären wir in den nächsten Folgen. Sonst stehen hier gleich sämtliche Zipfelmützenträger auf einmal vor der Tür und jeder behauptet, er sei zuerst dran gewesen. Das gibt nur Gedränge im Flur.
Für heute merken wir uns: Der klassische Zwerg gehört zum Berg, zum Gestein und zum Handwerk.
Sind Zwerge eigentlich nett?
Das kommt darauf an.
Zwerge können in Geschichten hilfreich, klug und zuverlässig sein. Sie können aber auch eigensinnig, misstrauisch oder ausgesprochen schlecht gelaunt auftreten. Besonders dann, wenn Menschen ihre Schätze anfassen, ihre Arbeit nicht würdigen oder sich ganz allgemein benehmen, als gehöre ihnen der Berg.
Was erstaunlicherweise häufig vorkommt.
Ein Zwerg hilft dir möglicherweise aus einer sehr schwierigen Lage. Er erwartet dafür aber vermutlich, dass du dich an Absprachen hältst und nicht hinterher sagst:
„Ach, das war doch bestimmt gar nicht so viel Arbeit."
Danach bist du wahrscheinlich auf dich allein gestellt. Und dein Schwert bleibt stumpf.
Tante Emas kleiner Zwergen-Knigge
Solltest du tatsächlich einem Zwerg begegnen, gelten ein paar einfache Regeln:
- Sag niemals: „Och, bist du süß!"
Zwerge sind keine Dekoration. Sie sind hoch qualifizierte Fachkräfte mit niedriger Augenhöhe. - Fass nicht ungefragt sein Werkzeug an.
Du möchtest schließlich auch nicht, dass jemand deine beste Stoffschere nimmt und damit Geschenkband kräuselt. - Frag nicht, ob der Bart bei der Arbeit stört.
Er stört nicht. Deine Frage möglicherweise schon. - Lobe seine Arbeit ehrlich.
Ein schlichtes „Das ist hervorragend gemacht" öffnet mehr Türen als übertriebene Begeisterung. - Und falls dir gar nichts einfällt, sag:
„Respekt. Du wirkst sehr statisch kompetent." Das ist Zwergen-Balsam fürs Herz. Vermutlich.
Woran erkennt man, dass ein Zwerg in der Nähe ist?
Es gibt keine vollkommen sichere Methode. Zwerge stellen schließlich keine kleinen Schilder mit „Werkstatt – bitte hinten klingeln" auf.
Verdächtig wären aber:
- Aus einem Berg klingt leises Hämmern.
- Ein Stein liegt plötzlich so ordentlich da, dass es kein Zufall gewesen sein kann.
- Ein Werkzeug, das gestern noch gewackelt hat, funktioniert auf einmal tadellos.
- Oder jemand hat über Nacht dein schiefes Regal gerichtet und daneben wortlos die Wasserwaage liegen lassen.
Dann solltest du dich bedanken. Und vielleicht ein ordentliches Vesper hinstellen. Keinen Salat im Glas. Etwas mit Substanz.
Warum Zwerge wunderbar zu Tante Ema passen
Zwerge mögen Dinge, die Bestand haben. Sie beherrschen ihr Handwerk. Sie sehen Wert in Materialien, die andere vielleicht nur für einen Stein, ein Stück Metall oder irgendeinen Rest gehalten hätten.
Und sie wissen offenbar: Ein bisschen Magie schadet einem gut gemachten Gegenstand nicht.
Genau deshalb dürfen sie Tante Emas Wesen-Welt eröffnen.
Nicht, weil sie niedlich sind. Nicht, weil die rote Mütze so hübsch zum Markenauftritt passt.
Na gut. Vielleicht ein kleines bisschen deshalb.
Vor allem aber, weil Zwerge etwas können, das heute beinahe selbst märchenhaft wirkt: Sie machen ihre Arbeit sorgfältig, sind stolz darauf und bauen Dinge, die bleiben.
Da kann man schon mal respektvoll die Zipfelmütze ziehen.
Fortsetzung folgt …
In der nächsten Folge verlassen wir den dunklen Berg und gehen nach draußen ins Beet.
Dort wartet bereits der Gartenzwerg. Rote Mütze, treuer Blick und hervorragend informiert darüber, wer in der Nachbarschaft seine Tomaten nicht ordentlich gießt.
Er behauptet, er stehe nur zur Dekoration da.
Natürlich.
