Ein Rathaus mit 24 Fenstern. Das kann kein Zufall sein. Ist es aber.
Der weltgrößte Adventskalender, drei Sekunden Hollywood und der Anfang des Ortenauer Weins.
Gengenbach liegt am Ausgang des Kinzigtals, dort wo die Berge zurücktreten und die Reben anfangen. Fachwerk, Stadtmauer, Türme, ein Marktplatz wie gemalt.
Auf Fotos wirkt das fast zu ordentlich. Ist es auch – aber nicht zufällig. Dazu kommen wir gleich.
Wo Gengenbach liegt
Rund 11.000 Menschen, verteilt zwischen 175 und 875 Metern. Eine ordentliche Spanne für eine Stadt, die man zu Fuß in zwanzig Minuten durchquert: unten die Altstadt an der Kinzig, oben Wald und Weinberge, dazwischen die Ortsteile Reichenbach, Bermersbach und Schwaibach.
Zehn Kilometer weiter, bei Offenburg, ist der Schwarzwald zu Ende. Gengenbach ist also die letzte Station vor der Ebene – oder die erste, je nachdem, aus welcher Richtung man kommt. (Mehr über das Tal erzählt der Artikel über das Kinzigtal.)
Das Rathaus hatte schon immer 24 Fenster
Als Viktor Kretz das klassizistische Rathaus entwarf, gab er der Vorderfront vierundzwanzig Fenster. Vierundzwanzig. Ohne jeden Hintergedanken – an Weihnachten hat der Mann dabei ganz sicher nicht gedacht.
Und dann stand das Haus rund anderthalb Jahrhunderte da, bis jemand nachgezählt hat.
Seit 1996 verwandelt sich das Rathaus in der Adventszeit in den weltgrößten Adventskalender. Jeden Abend um 18 Uhr geht ein Fenster auf, dahinter Kunst statt Schokolade: Marc Chagall war schon dran, Andy Warhol, Tomi Ungerer, zuletzt der Illustrator Olaf Hajek. Rund 120.000 Menschen kommen dafür jedes Jahr.
Und ja – wir sind auch da. Tante Ema steht im vierten Jahr in Folge auf dem Gengenbacher Adventsmarkt, Häuschen Nr. 42, fast direkt vor dem Rathaus. Wenn du also sowieso nach oben schaust: hinterher einmal nach unten schauen und auf einen Schwatz vorbeikommen.
Drei Sekunden Hollywood
2005 klingelte bei der Gengenbacher Kultur- und Tourismus GmbH das Telefon. Am Apparat: Warner Bros. aus Hollywood, man würde gerne hier drehen. Der Vorsitzende Lothar Kimmig hielt es für einen Scherz.
War keiner. Tim Burton rückte mit einem kompletten Filmteam an, castete Einheimische als Statisten und deren Hunde gleich mit und drehte in der Altstadt eine Szene für „Charlie und die Schokoladenfabrik“. Der ganze Aufwand für drei Sekunden Film.
Johnny Depp kam übrigens nicht.
Und jetzt der Teil, über den man in Gengenbach bis heute den Kopf schüttelt: Im fertigen Film steht unter der Szene der Untertitel „Düsseldorf, Germany“. Man kann zwölfhundert Jahre Stadtgeschichte aufbauen, ein Filmteam aus Kalifornien anlocken – und endet als Düsseldorf. Es blieb nicht der einzige Dreh. 2018 entstanden hier Teile von „25 km/h“ mit Lars Eidinger und Franka Potente, 1973 wurde „Die Powenzbande“ verfilmt.
888: Hier fängt der Ortenauer Wein an
Im Jahr 888 sprach eine Schenkungsurkunde dem Benediktinerkloster Gengenbach den Weinzehnten zu. Das gilt als der Ursprung des Weinbaus in der Ortenau. Nicht Durbach, nicht Offenburg, nicht Oberkirch. Hier.
Die Gengenbacher Lage heißt Kinzigtäler. Und falls dir jemand erzählt, in Gengenbach wachse der Klingelberger: Klingelberger ist der Ortenauer Name für Riesling und stammt aus Durbach, wo Markgraf Carl Friedrich 1782 am Klingelberg pflanzen ließ. Guter Wein, falsche Adresse.
Ein Abt mit vier Bistümern
Das Kloster wurde um 725 gegründet, von Pirmin, der vorher schon die Reichenau gegründet hatte. Aus dem Klosterort wurde 1230 eine Stadt.
Die eigentliche Karriere machte aber ein Abt: Lambert von Brunn. Er war Abt dieses Klosters im Kinzigtal – und nebenbei Kanzler Kaiser Karls IV. sowie nacheinander Bischof von Brixen, Speyer, Straßburg und Bamberg. Vier Bistümer. Man muss sich das ungefähr vorstellen wie einen Bürgermeister, der abends noch vier Landesregierungen führt.
Er sorgte dafür, dass Gengenbach direkt dem Kaiser unterstellt und damit Reichsstadt wurde. Die Quellen nennen 1360 oder 1366 – da sind sie sich nicht ganz einig.
Zweimal abgebrannt, einmal mit Ansage
Was du in Gengenbach siehst, ist nicht das Mittelalter. Es ist der Wiederaufbau danach.
1689, im Pfälzischen Erbfolgekrieg, hatte die bei Offenburg liegende französische Armee von Ludwig XIV. den Befehl, alle Städte der Umgebung zu zerstören. Fast alle Gebäude der Stadt brannten ab. Der Dreißigjährige Krieg hatte vorher schon zweimal zugeschlagen, 1634 und 1643.
Und dann, genau hundert Jahre später, brach 1789 zur Fasnetszeit ein Feuer aus und nahm 50 Häuser mit. Der Straßenname Feuergasse erinnert bis heute daran.
Warum es keine Bausünden gibt
Man hört oft, innerhalb der Gengenbacher Stadtmauern gebe es keine einzige Bausünde. Das stimmt ungefähr. Und es ist kein Glück.
1905 erlässt die Stadt eine Bauvorschrift zum Schutz des Stadtbilds. 1905 – da war Denkmalpflege noch keine Selbstverständlichkeit, sondern eine ziemlich eigenwillige Idee. 1955 wird die gesamte Innenstadt unter Denkmalschutz gestellt. Sturheit. Man sieht sie dem Fachwerk zum Glück nicht an.
Türme, Tore und ein Ritter namens Schwed
Vom alten Stadtring stehen noch das Kinzigtor, das Obertor und der Niggelturm. Im Niggelturm sitzt das Narrenmuseum, im Kinzigtorturm die Stadtgeschichte, dazu kommt das Flößereimuseum – die Kinzig war ja auch hier eine Holzstraße. (Mehr zur Flößerei erzählt der Wolfach-Artikel.)
Auf dem Marktplatz steht der Röhrbrunnen mit einem Ritter, der sich seit fast fünfhundert Jahren auf sein Schild stützt. Die Gengenbacher nennen ihn den Schwed. Auf dem Schild das Stadtwappen: Reichsadler und Fisch, 1505 von König Maximilian genehmigt. Der Adler erklärt sich, den durfte eine freie Reichsstadt führen. Der Fisch taucht schon im 13. Jahrhundert auf Siegeln auf und erklärt sich weniger von selbst. Wer alles der Reihe nach sehen will: 130 Bronzetafeln führen als Rundgang „Auf den Spuren des Ritters“ durch die Stadt.
„Gengenbach weiß, wie gut es aussieht. Das könnte anstrengend sein. Ist es aber nicht – weil dahinter dreihundert Jahre Wiederaufbau und hundertzwanzig Jahre Sturheit stecken. Schönheit mit Arbeitsnachweis sozusagen."
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