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Orte26. Juli 2026 · 8 Min. Lesezeit · Wolfach, Kinzigtal

Wolfach heißt nach einem Fluss, den es unter diesem Namen nicht mehr gibt

Flößerei, zwölf Fasnetsumzüge, die letzte Mundblashütte im Schwarzwald — und 262 Meter über dem Meer.

Wolfach liegt auf 262 Metern im mittleren Schwarzwald, bei 48,300° Nord und 8,217° Ost, genau dort wo die Wolf in die Kinzig fällt. Fachwerk, Blumenkästen, ein Fluss. Sieht aus wie hundert andere Orte hier.

Ist es aber nicht. Von hier sind Bäume in die Niederlande gefahren. Hier ziehen im Februar dreihundert Männer mit falschen Nasen durch die Stadt. Und der Fluss, nach dem die Stadt heißt, heißt inzwischen anders.

Wo Wolfach liegt — und wie hoch genau

262 Meter über dem Meer. Für den Schwarzwald ist das erstaunlich tief, und es stimmt auch: Wolfach ist eine Talstadt.

Die Gemarkung hat es dafür in sich. Unten an der Kinzig fängt sie bei 247 Metern an, oben am Moosenkapf hört sie bei 871 auf. Über sechshundert Höhenmeter in einer einzigen Gemeinde. Wer hier wohnt, wohnt entweder am Wasser oder im Wald — und je nachdem redet man über völlig verschiedene Winter.

Merk dir Kirnbach, das kommt weiter unten nochmal.

Der Fluss, der seinen Namen abgegeben hat

Der Fluss, der von Norden kommt und mitten in der Stadt in die Kinzig mündet, heißt Wolf. Früher hieß er Wolfach.

Er hat seinen Namen also irgendwann abgelegt — die Stadt nicht. Wolfach ist nach einem Gewässer benannt, das heute anders heißt als der Ort, den es benannt hat. Der Fluss ist weitergezogen, der Name ist geblieben.

Und der Wolf? Wahrscheinlich kein Tier. Die Endung -ach steht in dieser Gegend für fließendes Wasser. 1084 steht der Ort zum ersten Mal in einer Urkunde, damals geschrieben als „Wolphaha“ — was man einmal laut vorlesen sollte. Einmal reicht.

Als die Kinzig eine Holzstraße war

Stell dich auf eine der Brücken und schau runter. Die Kinzig ist hier so flach, dass du den Grund siehst. Auf diesem Wasser sind Bäume gefahren.

Nicht einzeln — als Flöße, zusammengebunden, die Kinzig hinunter, in den Rhein, weiter bis in die Niederlande. Dort wurden aus Schwarzwälder Tannen Schiffe, Hafenpfähle und Häuser. Die größten Flöße hießen deshalb Holländerflöße. Sechshundert Jahre lang ging das so.

Und nicht jeder durfte. Die Flößerei auf der Kinzig war ein Privileg der Stadt Wolfach und ihrer Bürger: kein Beruf, den man ergreift, sondern ein verbrieftes Recht, das man erbt wie ein Haus. Das brachte Geld in die Stadt. Es brachte auch Not, jedes Mal wenn Hochwasser und Eisgang die Flussbauten zerlegten, ohne die kein Floß fahren konnte.

Dann kam die Eisenbahn, schneller und billiger, und damit war es vorbei. 1894 fuhr das letzte gewerbliche Floß die Kinzig hinunter. 1896 kam das letzte aus dem Wolftal in Wolfach an. 1929 haben sie zum Trachtenfest noch einmal eines gebaut — da war es schon Erinnerung.

Das Schloss hat sich keinen Hügel gesucht

Die meisten Schlösser suchen sich einen Hügel. Das Wolfacher offenbar nicht. Es steht einfach mittendrin — rund sechshundert Jahre alt, fürstlich fürstenbergisch, und prägt zusammen mit dem Rathaus das Stadtbild.

Drin sitzt heute das Museum: Trachten aus dem Wolf- und Kinzigtal, Fastnachtsmasken und -gewänder, Stücke aus Handwerk und Bergbau, mittelalterliche Urkunden. In der ehemaligen Schlossküche ist die Flößerstube untergebracht.

Zwölf Umzüge in einer Woche: die Wolfacher Fasnet

Wenn du nur einmal im Jahr nach Wolfach kommst, komm zur Fasnet. Zwölf Umzüge. In einer Woche. Vom Fasnetausrufen am Vorabend des Schmutzigen Donnerstags bis zur Geldbeutelwäsche am Aschermittwoch — ja, das gibt es wirklich, da wäscht man öffentlich den Geldbeutel aus. Man weiß ja, wo das Geld hin ist.

Wie alt der Brauch ist, verrät ausgerechnet ein Verbot. 1543 wurde die Wolfacher Fastnacht amtlich als „heidnische Onsinnigkeit“ untersagt. Das hat, wie man sieht, mäßig funktioniert. Aber es beweist etwas: Verboten wird nur, was es schon gibt.

Seit 1787 wird außerdem Theater gespielt. Georg Anton Bredelin, damals Fürstenbergischer Schulvisitator in Wolfach, schrieb „Die Altweibermühle von Tripsdrill“. Es ist das älteste Fastnachtsspiel, das heute noch aufgeführt wird, und alle fünf Jahre kommt es wieder auf die Bühne. Ein Schulaufseher schreibt ein Stück, und zweihundertvierzig Jahre später spielt man es immer noch.

Der Rosenmontag heißt hier Schellenmontag. In aller Frühe wird der Wohlaufmann in einem rollenden Bett durch die Stadt gefahren und singt genau dort, wo früher der Nachtwächter gesungen hat. Hinter ihm hunderte Narren in weißen Nachthemden und Zipfelmützen, mit allem was Krach macht. Ausschlafen ist an dem Morgen keine Option.

Am Fasnetsdienstag ist Nasenzug. Dreihundert Männer, die Jacke auf links gedreht, ein Holzspan am Hut, eine selbstgebastelte Nase im Gesicht. Frauen dürfen nicht mit. Frauen gehen trotzdem mit, verkleidet als möglichst überzeugende Männer, und alle tun so, als würde das keiner merken.

Das Beste kommt zum Schluss: Die Freie Narrenzunft Wolfach ist kein eingetragener Verein. Keine Mitgliederliste, kein Beitrag, kein Aufnahmeantrag. In Deutschland. Wer mitmachen will, macht mit.

Glas, das noch mit dem Mund geblasen wird

In der Dorotheenhütte entsteht Glas bis heute von Hand — es ist die letzte aktive Mundblashütte im ganzen Schwarzwald. Du kannst zusehen, wie aus einem glühenden Tropfen eine Vase wird, und dich selbst daran versuchen. Was dabei auffällt: Es geht nicht um Kraft, es geht um Timing. Zwei Sekunden zu spät, und aus deiner Vase wird eine sehr eigenwillige Skulptur.

Über 400 Minerale — und wo sie wirklich herkommen

Jetzt eine Klarstellung, für die man hier möglicherweise schief angeschaut wird. Die Grube Clara liegt nicht unter Wolfach. Sie liegt im Rankachtal, und das gehört zu Oberwolfach. Nach Wolfach kommt nur das, was rauskommt: Aufbereitungsanlage und Mineralienhalde stehen in Wolfach-Kirnbach.

Dafür ist das, was rauskommt, außergewöhnlich. Über 400 verschiedene Minerale sind in der Grube nachgewiesen, mehrere davon wurden dort überhaupt zum ersten Mal beschrieben. Eines heißt deshalb Claraite. Abgebaut werden eigentlich nur Schwerspat und Flussspat — die ganze Vielfalt ist streng genommen Beifang.

Auf der Halde wird das Material täglich ausgetauscht. Du gehst also nicht mit leeren Händen nach Hause, sondern nur mit dreckigen. Für Kinder gibt es Goldwaschen samt Urkunde.

Wolfach hat einen Bollenhut. Zumindest ein Drittel

Der Bollenhut gehört zu Gutach, sagen alle. Er stammt aus drei Orten, sagen die Quellen. Und einer davon ist Kirnbach — Stadtteil von Wolfach, du hast es dir ja gemerkt. Wir erheben hiermit also höflich Anspruch auf ein Drittel des bekanntesten Hutes der Welt.

Schau nach oben

Die meisten Leute schauen in einer Stadt auf Schaufenster. Hier lohnt der Blick nach oben. Viele Dächer sind auffällig groß und weit heruntergezogen. Das hat handfeste Gründe: Schnee soll abrutschen, Regen nicht ans Holz kommen, und unter dem Dach war Platz für Heu und Vorräte. Ein Dach war früher fast ein zweites Lagerhaus. Dass du dabei in Ruhe mitten in der Stadt stehen bleiben kannst, verdankst du einer Tunnelröhre: Seit 1993 fährt der Durchgangsverkehr außen herum.

Wolfach überwältigt niemanden. Es ist eine Stadt, die sich Zeit lässt, gemocht zu werden. Wenn sie es dann geschafft hat, wird man sie allerdings schlecht wieder los."

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