Das Tal, durch das seit zweitausend Jahren alle durchmüssen
93 Kilometer Kinzig von Loßburg bis Kehl: Römerstraße, Silber, Flöße — und ein Gestein, das nach dem Tal heißt.
Das Kinzigtal ist das größte Talsystem des Schwarzwalds. Von der Quelle bei Loßburg bis zur Mündung in den Rhein bei Kehl sind es 93 Kilometer und rund 550 Höhenmeter bergab — und dazwischen liegt ein Tal, durch das seit zweitausend Jahren alles durchmuss, was von Ost nach West will.
Römer, Silber, Flöße, Dampfzüge, heute die Ortenau-S-Bahn und der halbe Lieferverkehr. Das Kinzigtal ist weniger ein Ort als ein Flur. Ein Zuhause ist es trotzdem geworden — man gewöhnt sich ja an alles. Auch daran, dass ständig jemand durchkommt.
Wo das Kinzigtal anfängt und wo es aufhört
Auf 680 Metern, auf Loßburger Gemarkung, kommt die Kinzig aus dem Boden. Sie ist dort keinen Meter breit. Du könntest drübersteigen, ohne es zu merken — und ehrlich, genau das tun die meisten.
93 Kilometer später mündet sie bei Kehl in den Rhein, auf rund 130 Metern. Macht rund 550 Höhenmeter Gefälle, verteilt auf 93 Kilometer. Das ist kein Sturz, das ist Spaziertempo. Andere Schwarzwaldflüsse poltern. Die Kinzig schlendert.
Trotzdem ist sie mit knapp 28 Kubikmetern pro Sekunde der wasserreichste Schwarzwaldfluss, der in den Rhein geht, und ihr Talsystem ist das größte, das dieses Gebirge hergibt. Einzugsgebiet: rund 1.400 Quadratkilometer.
Und dann gibt es noch eine zweite Kinzig, in Hessen, die in den Main fließt. Wenn dein Navi dich nach Gelnhausen schickt, seid ihr euch uneinig.
Das Tal macht zwei Knicke
Von Loßburg fließt die Kinzig zuerst nach Süden, dicht am östlichen Rand des Gebirges. In Schiltach knickt sie nach Westen ab. Bei Hausach mündet das Gutachtal ein, und ab da wird das Tal breit, gerade und dicht besiedelt — zwischen Farrenkopf und Brandenkopf ist es über 550 Meter tief eingeschnitten. Bei Haslach knickt sie noch einmal, jetzt nach Nordwesten. Bei Offenburg verlässt sie den Schwarzwald, und danach ist es flach.
Merken kann man sich das so: Schiltach nach Westen, Haslach nach Nordwesten. Dazwischen wohnen die meisten Leute, was kein Zufall ist, denn dort ist Platz. Wer hier wohnt, muss sich allerdings gar nichts merken. Wer hier wohnt, fährt beide Kurven im Schlaf.
Der Fluss ist früher nach Norden geflossen
Am Ende der letzten Eiszeit machte die Kinzig etwas anderes als heute. Sie bog bei Offenburg nicht nach Westen zum Rhein ab, sondern nach Norden, lief am Ostrand der Rheinebene entlang und tat sich mit der Murg zusammen. Geologen nennen das den Kinzig-Murg-Fluss.
Dann hat sie die Richtung gewechselt. Ohne Bescheid zu sagen.
Den Fluss gibt es nicht mehr. Die Rinne, in der er lief, schon. Man fährt heute mitten durch sie durch und merkt genau nichts.
Ein Gestein, das Kinzigit heißt
Jetzt der Satz für den nächsten Wanderstopp. Also gut, für den übernächsten — beim ersten will ja noch keiner reden.
Es gibt ein Gestein namens Kinzigit: ein grobkörniger, granatreicher Gneis, dunkel, mit viel Biotit und oft mit Graphit darin. Den Namen bekam es 1861, nach dem Fundort — der Typlokalität bei Schenkenzell im Kleinen Kinzigtal.
Und dann ist der Name ausgewandert. Kinzigit steht heute in Fachbüchern über den Odenwald, über Skandinavien, über den Bayerischen Wald und über die Ivrea-Zone in Norditalien. Ein Stein aus Schenkenzell, der es bis nach Norditalien geschafft hat, ohne je umzuziehen.
Man muss das nicht erwähnen. Aber man kann.
Erst kamen die Römer
Um 74 nach Christus bauten die Römer eine Militärstraße durchs Kinzigtal, von Straßburg beziehungsweise Offenburg hinauf Richtung Rottweil und auf die Baar. Bei Haslach lag vermutlich eine Straßenstation — gefunden wurden Keramikscherben, ein Altarstein und ein römisches Grabrelief.
Das Prinzip hat sich seitdem nicht geändert. Wer von der Rheinebene auf die andere Seite des Gebirges will, nimmt dieses Tal. Die Römer, die Fuhrleute, die Eisenbahn, die B33 — alle dieselbe Linie, nur mit anderen Schuhen.
Erst Silber, dann Holz
Zwei Dinge haben das Tal reich gemacht, eins nach dem anderen.
Zuerst das Silber. Die Zähringer gründeten Haslach im 11. oder frühen 12. Jahrhundert als Marktort für ihre Bergwerke — die Quellen sind sich da nicht ganz einig. Von etwa 1200 bis 1700 war Haslach das Zentrum des Schwarzwälder Silberbergbaus und Sitz eines Bergrichters, der über 400 Stollen und Schächte im Kinzigtal verwaltete. Vierhundert. Der Mann hatte einen Beruf.
Allein um Haslach, Schnellingen und Bollenbach gab es im 16. Jahrhundert rund 50 Gruben.
Es steht sogar im Badnerlied: „In Haslach gräbt man Silbererz.“ Eine Landeshymne, die nebenbei mitteilt, wo gearbeitet wird. Das muss man erst mal hinbekommen.
Einfahren kann man bis heute, im Besucherbergwerk Segen Gottes.
Dann das Holz. Über sechshundert Jahre lang schwammen Flöße die Kinzig hinunter, über den Rhein bis in die Niederlande. 1894 fuhr das letzte gewerbliche Floß. Wie das funktioniert hat und warum ausgerechnet Wolfach das Recht dazu besaß, steht im Wolfach-Artikel.
Die Eisenbahn — und die Politik dahinter
Am 2. Juli 1866 hielt zum ersten Mal ein Dampfzug in Haslach und Hausach. Die Strecke Offenburg–Hausach war fertig, geplant von Robert Gerwig.
Spannender ist die Strecke, die es nicht wurde. Die Bahn hätte über Wolfach und Schiltach fahren können. Sie fährt nicht über Wolfach, weil die Strecke ein Stück Württemberg gestreift hätte — und weil man in Karlsruhe fand, die Schramberger Uhrmacher bräuchten nicht auch noch einen Gleisanschluss geschenkt. Die Konkurrenz in Furtwangen saß schließlich in Baden.
Zwei Talschaften, ein Grenzproblem, und am Ende entscheidet die Uhrenindustrie, wo die Schienen liegen.
Die Bahn ging über Hornberg und Triberg. Bei Hausach teilt sich seither beides, das Tal und die Bahn: Die Schwarzwaldbahn biegt ins Gutachtal ab und schraubt sich über Kehrschleifen und Kehrtunnel nach oben — 37 Tunnel allein zwischen Hausach und St. Georgen, aber nur ein einziges großes Viadukt. Die Kinzigtalbahn bleibt beim Fluss und fährt über Wolfach und Schiltach weiter nach Freudenstadt.
Nebenbei hat die Bahn auch das Bier gerettet. In Alpirsbach lag die alte Braustätte still, bis Johann Gottfried Glauner sie 1877 kaufte und der Betrieb 1880 wieder anlief — weil die Eisenbahn kam und mit ihr die Kurgäste. Das Kloster ist von 1095. Das Bier in seiner heutigen Form verdankt sich dem Fahrplan.
Die Orte an der Kette
Von oben nach unten, dem Wasser nach:
- Loßburg — hier fängt alles an, auf 680 Metern.
- Alpirsbach — Kloster von 1095, Brauerei dank Eisenbahn.
- Schenkenzell — Typlokalität des Kinzigits, siehe oben.
- Schiltach — hier knickt der Fluss nach Westen.
- Wolfach — Flöße, Fasnet, Glas.
- Hausach — die Gabelung, für das Tal wie für die Bahn.
- Haslach — Silber, Fachwerk, Hansjakob.
- Steinach, Biberach, Gengenbach — hier wird es weit, und die Weinberge fangen an.
- Offenburg — Ende des Gebirges.
- Kehl — Ende des Flusses.
Der Mann, der das Tal aufgeschrieben hat
1837 wird in Haslach der Sohn eines Bäckermeisters geboren: Heinrich Hansjakob. Er wird Pfarrer, Politiker und Schriftsteller — und schreibt das Leben im Schwarzwald des 19. Jahrhunderts auf wie sonst niemand. Die Höfe, die Bauern, die Armut, die Wirtshäuser, und die badische Revolution von 1848/49, bei der Haslach mittendrin war.
Er war streitbar und nicht immer angenehm. Ein Pfarrer, der aufschreibt, wie es in seinem Ort wirklich zugeht, ist für diesen Ort ungefähr so entspannend wie ein Nachbar mit Fernglas.
Genau deshalb sind seine Bücher heute so brauchbar. Wer wissen will, wie es hier vor hundertfünfzig Jahren zuging, liest Hansjakob und keine Postkarten.
Sein Alterssitz, der Freihof in Haslach, ist heute Museum.
„Das Kinzigtal war nie ein abgelegener Winkel. Es war immer der Weg. Wer hier wohnt, wohnt an einer Straße, die zweitausend Jahre alt ist, und hat sich daran gewöhnt, dass ständig jemand durchkommt. Manche bleiben. Dafür ist auch Platz."
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